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Die dümmste Theke der Welt oder Psychologie der Massen

Fußball ist nicht nur Weltsport Nummer 1, sondern auch der „Sport“ mit den meisten Macken. Wohl zwangsläufige Folge seiner Popularität ist zunächst eine mediale Omnipräsenz, bei der die Kotzgrenze schon lange überschritten ist. Gefühlte 7-mal in der Woche wird dem Leder hinterhergejagt und in den verbleibenden, allzu kurzen Sendepausen praktisch durchweg über bisher Geschehenes und Zukünftiges in epenhafter Breite schwadroniert. Das Ganze wird nicht besser dadurch, dass die Protagonisten auf die ewig gleichen Fragen einer Negativselektion von sich anbiedernden Sport“Journalisten“ wenig bis gar nicht zu sagen haben – so sie sich denn überhaupt artikulieren können. Auch kein Pluspunkt, dass sowohl die Spieler - neuerdings von Nationen gerne als „unsere Jungs“ o. Ä. adoptiert - als auch Trainer Unfairness (Schwalben, Tätlichkeiten, Beleidigungen, Lügen auf Schiedsrichternachfragen, taktische Fouls etc.) nicht nur versteckt, sondern ganz offen ausleben und offensichtlich für eine sportliche Primärtugend halten. Man kann nur hoffen, dass die angenommene Vorbildfunktion des Sportes im Falle des Fußballs keine Gültigkeit beansprucht.

Mit Abstand am Schlimmsten allerdings sicherlich der so gerne verklärte Fußballfan. Als zoon politikon tritt diese besonders geglückte Variante der Spezies Mensch nur in Gruppen auf und bestätigt regelmäßig in nicht mehr als 90 Minuten sämtliche Vorurteile gegen Massenphänome. Die „tollen Fans“, als die uns Stadionbesucher von ran, Anpfiff, Sportschau und ASS gerne verkauft werden, sind – soweit es sich nicht um schwachgeistige Jura- und BWL-Studenten handelt, die durch Tragen des Deutschlands- oder Barcelona-Trikots als Mitläufer (vergeblich) ihr Loser-Image aufzubessern trachten - zumeist entweder genuine Asoziale oder werden durch die „Gemeinschaft der Fans“ asozialisiert. Man wird (Ausnahme Eishockey) wohl lange nach einer Sportart suchen müssen, bei der der sportliche Gegner  (selbstverständlich nur im Schutze der Masse) beschimpft, bespuckt, beworfen und die eigene Mannschaft gleichzeitig aufgefordert wird, der sportlichen Karriere des Gegenübers den Garaus zu machen („Tritt ihn um“); eigentlich überflüssig zu erwähnen, dass Schiedsrichter ohnehin Freiwild sind und sportliche Anständigkeit nur etwas für Verlierer. Muss man das schon nicht unbedingt charmant finden, wird es schon grenzwertiger, wenn die Fans auftauchen, die das Wappen ihres Vereins im Herzen tragen oder – noch bemitleidenswerter – deren Leben der Verein ist. Im Interesse des Vereins wird hier dann auch gerne mal mit der Gewalt, die einem die Masse verleiht, operiert – sei es passiv bei Busblockaden oder aktiver bei der Jagd auf vermeintliche Sündenböcke. Dass der Mob sich hierzu berechtigt fühlt, kann man nur mit einem reichlich verrückten Wertesystem erklären.

Einen “echten” Fan qualifiziert also dreierlei: a) erstens der vollständige Verlust jeglicher Maßstäbe, b) die im Einzelfall größere oder kleinere Entgleisung im Rausch der Masse und c) die Angewiesenheit auf die Masse, um sich zu verstecken bzw. sich zu legitimieren. Die FanUnkultur des Fußballs ist damit grundverschieden von der jeder anderen Sportart. Wettbewerber werden zu Feinden und Verhöhnung und Diffamierung zu notwendigen Begleiterscheinungen. Hobbypsychologen mögen hierin vielleicht die tiefere Ursache der Faszination Fußball erkennen, die soweit reicht, dass sich selbst ansonsten unauffällige Familienväter in Gegenwart ihrer Kinder dazu hinreißen lassen, mit voller Inbrunst Sportler als „Hurensöhne“, Schiedsrichter als „Schwarze Sau“ und Italiener 2006 als Schieber und Schauspieler (so was könnte einem Deutschen, etwa Hölzenbein, sicher nicht passieren) zu titulieren.

Da die menschliche Natur nun auch einmal ihre Schattenseiten hat, wird man auch in Zukunft nicht erwarten können, dass auf dem Fußballplatz eine Atmosphäre wie in der Benimmschule herrscht. Viel gewonnen wäre aber schon dann, wenn der Krombacher-Fußball-Stammtisch und Konsorten Asozialen und Semi-Kriminellen nicht mehr in den Allerwertesten kriechen würden, nur weil sie sich Fans schimpfen. Vielleicht werden dann auch Unerfreulichkeiten wie das Düsseldorfer Fußballfest, das trotz Campinos und Kuddels Anwesenheit unter dem Motto der offenen und nicht der toten Hosen stand, in Zukunft etwas seltener.

Nordrhein-Westfalen zurück auf der Intensivstation

Ein Treppenwitz der Geschichte, dass in dem Moment, indem eine knappe Mehrheit der Eurostaaten in schmerzhaft-harter Weise dafür bezahlt, dass in der Vergangenheit wirklich jeder Mist – gerne auch auf Pump – ohne Rücksicht auf das Morgen finanziert worden ist, Nordrhein-Westfalen, ohnehin neben Saarland und Bremen der kranke Mann der Bundesrepublik, eine Doppelspitze inthronisiert, deren Zukunftskonzept vor allem neue Schulden vorsieht. Offensichtlich scheint ein nicht unerheblicher Anteil der Wähler – insoweit ökonomisch rational – nach dem Motto zu handeln: einem geschenkten Gaul schaut man nichts ins Maul, insbesondere wenn man am unweigerlichen Zahltag ohnehin nicht mehr unter den Lebenden ist.

Auch jenseits des mit Verstandesmitteln nicht mehr nachzuvollziehenden Siegeszuges von Kraft und Löhrmann, bietet die NRW-Wahl die ein oder andere Beachtlichkeit.

Die Grünen, seit geraumer Zeit die Wagenburg linker kleinbürgerlicher Spießer, hat sich ganz offensichtlich in NRW als echte Größe etabliert. Absolute SPD-Mehrheiten aus seligen Johannes-Rau-Zeiten dürften damit der Vergangenheit angehören. Ob hiermit nicht der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben wird, sei dahingestellt.

Entzaubert hingegen die Linke. Obwohl hier noch mehr als von Rot und Grün versprochen wurde (Mindestlohn von 10 Euro, Millionärssteuer etc. – im Übrigen alles eigentlich keine landespolitischen Themen), kann sich die Linke in den kommenden Jahren erstmal auf die genuine Rolle eines Proletariers beschränken, die außerparlamentarische Opposition. In gewisser Weise beruhigend, dass die Partei, die noch angestaubtere Rezepte als Kraft und Löhrmann im Angebot hat, ganz offensichtlich ohne ihre beiden Lichtgestalten und Polit-Entertainer Lafontaine und Gysi keinen Blumentopf zu gewinnen vermag.

Dass die Piratenpartei dagegen als bunter Farbtupfer in den Landtag eingezogen sind, wird allenfalls die Betreiber von Star Treks-Conventions, denen die Nerds aufgrund parlamentarischer Verpflichtungen auszugehen drohen, schmerzen, ansonsten kann man das mittlerweile bekannte Phänomen nur achselzuckend zur Kenntnis nehmen: da sich zwar ein System durch Verfahren legitimieren kann, nicht aber eine Partei, deren vornehmste Aufgabe es ist, dass politische System mit Inhalten zu füllen, dürfte es sich bei der Freak-Show der Piratenpartei sowieso um ein ephemeres Problem handeln.

Dramatisch und das eigentliche Thema des Wahlabends hingegen das Abschneiden des bürgerlichen Lagers. Wer dem Liberalismus gewisse Sympathien entgegen bringt, kann es mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen, dass die selbstzerstörerischen Fähigkeiten der FDP-Spitze offenbar doch nicht ausreichen, um dem politisch organisierten Liberalismus den Garaus zu machen. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang auch, dass ganz offensichtlich die Person Lindners weniger Bedeutung hatte als die Kubickis in Schleswig-Holstein. Kaum noch nachzuvollziehen hingegen das katastrophale Ergebnis der CDU, die mit Röttgen immerhin einen smarten und der Landesmutter in allen Sachfragen weit überlegenen Kandidaten ins Rennen geschickt hatte. Wenn auch Röttgen im Wahlkampf nicht die stärksten Momente seiner bisherigen Karriere gehabt haben dürfte, ist er nicht zuletzt auch ein Opfer. Die Kraft und Löhrmann nicht gerade liegende inhaltliche Auseinandersetzung wurde albernen Seitenthemen geopfert, die von den Medien weit über ihre tatsächliche Bedeutung heraufgespielt wurden: a) mitnichten sollte man von einem gestaltungwilligen Politiker erwarten, dass er das gerade aktuell nicht unwichtige Amt des Umweltministers für das des Oppositionsführers, also eines politischen und medialen Hanswurstes opfert (Bei Renate Künast (Berlinwahl) hat im Übrigen auch kein Hahn danach gekräht). Zwar kann man sich durch fortgesetzte Landtagsmitgliedschaft ohne größeren Aufwand eine hübsche Altersrente verdienen, allerdings hätte eine dahingehende Entscheidung Röttgens nicht gerade die Aura versprüht, dass hier jemand etwas verändern will. b) Mindestens ebenso abseitig die Debatte um die erkennbar ironische Aussage, dass das Amt des NRW-Ministerpräsidenten nun einmal leider nicht von der CDU vergeben würde. Kleiner als die hieran sich entzündende Kritik geht es kaum noch. c) Für die Zukunft NRWs mindestens ebenso unwesentlich schließlich die dritte und letzte Debatte, die den Wahlkampf beherrscht hat, nämlich ob es sich gleichzeitig auch um eine Abstimmung über den Kurs der Berliner Politik handele. Auch hier war die Aufregung groß – und auch hier fehlte dem aufgeregten Gegacker jede echte Substanz. Jede Landtagswahl ist zu einem nicht geringen Teil immer auch eine Abstimmung über die Zufriedenheit mit der Bundespolitik. Und das ist auch (in Teilen) gut so, können doch die Flächenländer – trotz Föderalismusreform – dem Bund über das Instrument des Bundesrats ziemlich in die Suppe spucken. Im Übrigen beeilt sich auch die SPD bereits nach Kräften, dem Erdrutsch-Sieg von Kraft Signalwirkung für Berlin zuzusprechen. Sämtliche Aufreger des Wahlkampfs also nichts mehr als Petitessen, die Röttgen als Politprofi zwar eigentlich hätte umschiffen können, deren mediale Aufbauschung aber den Blick darauf versperrt hat, dass eigentlich zur Entscheidung stand, ob Deutschland in die in der Erinnerung vieler Linker verklärten Vor-Hartz-Zeiten zurückfällt.

Dass das bürgerliche Lager hierbei nur gut 33% ergattern konnte, ist trotz struktureller linker Mehrheit in Deutschland ein echter Tiefpunkt. Man kann nur hoffen, dass das nordrhein-westfälische Modell nicht Schule macht!

In Kürze!

Erwachsenwerden ist die gesellschaftlich vorgezeichnete Aufgabe aller jugendlich-optimistischen Träume und Ansprüche, Erwachsensein ist Gewöhnung an die tagtägliche, also ewige Wiederkehr des Gleichen und damit Vorbereitung auf den Tod.

Die große Griechin

Glaubt man den Zeichendeutungen der politischen Auguren, werden Rheinländer und Westfalen der amtierenden rot-grünen Minderheitsregierung nicht nur eine vorzeitige Verlängerung bescheren, sondern sie zugleich vom Stigma der Minderheitsregierung befreien. Dass man dies nicht nur auf Seiten der nordrhein-westfälischen Regierung, sondern auch auf der der Opposition einißermaßen emotionslos als Datum hinnimmt, ist überraschender als es auf den ersten Blick erscheint.

Erinnern wir uns: Abgesehen von einem kurzen schwarzen Nachkriegsintermezzo ist zwar das bis vor gar nicht so langer Zeit von Bergbau, Schwerindustrie und ähnlichen Arbeitermilieus geprägte NRW neben dem Saarland und der eigenen Gesetzmäßigkeiten folgenden roten Aristokratie Hamburgs das Stammland der SPD. Nachdem allerdings sozialdemokratische Arbeiter- und Bauerromantik – z. B. 100.000 DM Subventionen p.a. für einen Steinkohlearbeitsplatz – den Strukturwandel nicht aufzuhalten vermocht haben, war es auch mit der Herrlichkeit der SPD-Erbmonarchie mit plebiszitären Elementen schnell vorbei. Spätestens seit Clements und Schröders Modernisierungsversuchen kann von sozialistischer Bruderliebe auch und gerade in der NRW-SPD keine Rede mehr sein (notorisch bekannt für Anträge zu Parteiausschlussverfahren: der Ortsverein Bochum). Zu allem sozialdemokratischen Übel gestalteten sich auch noch die folgenden ersten schwarz-gelben Steh- und Gehversuche im ehemaligen Feindesland durchaus erfolgreich.

Dass sich NRW nunmehr dennoch seiner roten Wurzeln erinnert und auch der bisherige Medienliebling Röttgen nicht gerade vom Nimbus des strahlenden Siegers umgeben wird, ist einerseits Folge einiger leicht vermeidbarer Blödheiten von Jürgen Rüttgers, aber auch und vor allem ein Erfolg des Duos Kraft/Löhrmann. Da nach den Vorhersagen der politischen Ökonomie nicht nur auf Märkten, sondern auch in der Demokratie vor allem Erfolge vergütet werden, erwartet man deshalb eine beeindruckende Leistungsbilanz der zumindest unter Diversity- und Gender-Gesichtspunkten vorbildlich besetzten Regierung Kraft/Löhrmann.

In der Tat sprechen zumindest die Verlautbarungen der rot-grünen Frontfrauen, die im Übrigen beiläufig das Gerücht widerlegen, dass Erfolg sexy machen würde, eine eindeutige Sprache. Als politische Variante von Nikolaus und Knecht Ruprecht hat Rot-Grün in NRW einen ganzen Sack voller Geschenke dabei und lediglich für die zahlenmäßig übersichtliche Schar von Pluto- und Kleptokraten, also alles was der stramm Linke als reich bezeichnet, gibt es die Rute: in Abwandung des wohl am häufigsten missbrauchten Erhard-Worts beschwören Kraft und Löhrmann u.a. “Lehrer für alle”, “Kitas für alle”, “Bildung für alle”, ”Konjunkturprogramme für alle”, ”städtische Schwimmbäder für alle”, “Bolzplätze für alle” usw. - die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Auch Spielverderber, die die Frage der Finanzierung des sozialdemokratischen Füllhorns aufwerfen, haben bei Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen keine Chance: (1) erfahren wir (mal wieder) dass das Füllhorn die Binnenkonjunktur belebt und sich Bildung natürlich ohnehin selbst finanziert (zu verifizieren an der philosophischen Fakultät). (2) haben Reiche und Superreiche ohnehin soviel, dass sie mal getrost etwas abgeben können und dass das natürlich auch reicht, um einen 17 Millionen-Staat zu finanzieren. Zwar kann man bei einer Regierung, die unweit der Düsseldorfer Königsallee residiert und deshalb weiß, dass Besitz- und Bildungsbürgertum heute längst nicht mehr zwei Seiten derselben Medaillen, sondern Antipoden sind und Geld recht häufig nicht nur den Charakter, sondern den Stil gleich mitverdirbt, gewisse Ressentiments verstehen, der Sache nach aber bieten Rot und Grün nichts anderes als das griechische Modell, also vereinfacht: “der Wunsch ist nicht nur der Vater des Gedankens, sondern auch der politischen Tat”. Sprich, alles, was sich gut anhört, muss auch gut sein, und was gut ist, kann nicht schlecht finanziert sein. 

Wer der Richtigkeit dieses logischen Doppelschlusses anhängt, dem ist - zumindest nach allem, was wir bisher aus der praktischen Politik wissen - nicht mehr zu helfen. Griechenland, die Regierung Schmidt-Genscher, der britische “winter of discontent” und eine seriös nicht mehr zu schätzende Zahl weiterer Beispiele belegen, dass ein volkswirtschaftliches Schlaraffenland, indem sich gutgemeinte politische Wohltaten auch in harten Fakten auszahlen , nicht oder doch allenfalls in unmittelbarer Nachbarschaft zu Utopia, Sonnenstaat und Atlantis existiert.

Erstaunlicher hingegen, dass auch der Durchschnitts-Rheinländer bzw. -Westfale mit hinreichender Regelmäßigkeit auf die erwiesenermaßen leeren Versprechungen reinfällt. Offensichtlich reichen selbst ein verfassungswidriger Haushalt, völlige Ratlosigkeit bzgl. Finanzierungsfragen und auch ansonsten hinreichend offenbarte Inkompetenz nicht aus, um Versprechungen an den eigenen Geldbeutel zu hinterfragen. Selbstbetrug taugt zwar als Lebensmotto und macht vieles einfacher, die Rendite fällt aber eher mau aus. Von daher, Glück auf, NRW!

Eine Schwalbe macht noch keinen liberalen Sommer…

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen! Nach diesem Motto begeht der organisierte Liberalismus – oder was sich dafür hält – einen Einbruch des eigenen Wahlergebnisses von fast 50% als Sternstunde des politischen Wirkens. Auch der Hinweis des politisch Verantwortlichen Wolfgang Kubicki, der schon wieder gewohnt großmäulig daherkommt, dass es sich bei den 8% um ein historisch herausragendes Resultat handelt, darf über den zweifelhaften Charakter dieses Erfolges nicht hinwegtäuschen, werden hier doch Äpfel und Birnen verglichen. In den seeligen Zeiten, die der liberale Obmann als Benchmark bemüht, konnten SPD und CDU noch auf milieugeprägte Stammwählerschaften von 40+x% zählen, während heutzutage mindestens 40% der Stimmen zur Verteilung unter die kleineren Parteien zur Verfügung stehen. Bei nüchterner Betrachtung ist festzustellen: Klassenerziel erreicht, mehr aber auch nicht. Zumindest menschlich nachvollziehbar wird die reichlich überzogene Euphorie, wenn man berücksichtigt, dass Partei und ihre Kader dem politischen Tod damit im letzten Moment noch einmal von der Schippe gesprungen sind.

Allerdings sollten sich FDP und Freunde des Liberalismus nicht allzu lange mit dem Abfeiern des ordentlichen Wahlergebnisses aufhalten. Das Abschneiden der schleswig-holsteinischen Liberalen ist nichts weniger als eine Trendwende, ganz im Gegenteil. Ihrem Wesen nach FDP Pogrammpartei werden Freidemokraten nicht wegen, sondern trotz ihrer Kandidaten gewählt.  Die liberale Führungsriege glänzt seit jeher durch eindrucksvolle Farblosigkeit (Gerhard, Solms, Pieper, Homburger), für eine wirtschaftsliberale Partei eigentlich undenkbare Abwesenheit von Fachkompetenz (Bahr, Westerwelle etc.) bzw. Trivialdogmatik (Brüderle) und eine nicht unerkleckliche Anzahl von Amt- und Würdenträgern, die nicht immer ganz zu Unrecht im Verdacht stehen, vor allem am eigenen Schicksal (Bangemann) oder aber zumindest dem des eigenen Umfelds (Westerwelle, Möllemann) Anteil zu nehmen. Es dürfte daher keine Übertreibung sein, in der Personalschwäche des politischen Liberalismus zumindest eine der Ursachen für dessen Schattendasein in der bundesdeutschen Politikszene zu vermuten.

Mit diesem traditionellen Befund bricht der Erfolg der FDP in Schleswig-Holstein in auffallender Weise. Nicht nur Politprofis wissen, dass der Sieg der FDP vor allem ein Sieg Wolfgang Kubickis ist. Personenkult ist zwar - entgegen anderslautender Apokryhen aus Reihen von Nord- und Südpiraten  – nicht per se etwas Schlechtes: bei hinreichender Übereinstimmung von Kandidat und Inhalt, können Person und Programmatik durchaus einmal eine symbiotische Existenz führen. Gerade an dieser Voraussetzung fehlt es allerdings in der Person Kubickis zur Gänze. Als seriösere Variante von Jürgen Möllemann und Provinzausgabe eines Populisten gefällt Kubicki vor allem sich selbst und zwar insbesondere in der Rolle des Parteirebellen, der nicht nur alles besser weiß, sondern natürlich auch alles besser macht. Sein Angebot an die Wähler lautet im Kern: ich weiß auch nicht, weshalb ich in dieser Partei bin. Führungsstärke der FDP-Spitze und Kubickis Bedeutung sind also zu einem nicht unerheblichen Teil negativ korreliert. Vor diesem Hintergrund muss man wohl dem stimmungsblinden Bundesvorstand der FDP angehören, um in Kubickis Erfolgen eine Trendwende zu Gunsten der FDP erkennen zu können! Zumindest kein Anlass, saturiert zur Tagesordnung überzugehen!

Der Unverstandene oder ein Vorzeigemanager tritt ab

Befragt man die Deutschen nach der Verkörperung des kapitalistischen Antichristen, braucht man nicht allzu lange auf die Antwort zu warten. Egal ob Vergütungsexzesse in den Vorstandsetagen deutscher Großunternehmen, Finanzkrise oder ähnliche Schandtaten, stets erscheint der Name des Noch-Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann auf den vordersten Plätzen der Liste der Hauptschuldigen. Noch mehr, ist der Schweizer Banker nicht nur am dunkelroten Rand (Attac, Linke, Grüne), sondern bis hinein in den politischen Mainstream zu einem, wenn nicht dem Synonym für Missstände des postindustriellen Kapitalismus geworden: in Trivialanalysen (Illner, Jauch, Will etc.) tauchen nicht selten die sog. „Ackermänner dieser Welt“ auf, die zusammengefasst an allem und jedem schuld sein sollen.

Bereits die schiere Fülle der vermeintlichen und tatsächlichen Ungerechtigkeiten, Übel und Missstände, an denen Ackermann in personam schuld sein soll, mahnt allerdings den einigermaßen Vernunftbegabten zur Vorsicht: entweder haben wir in Ackermann den Teufel höchstselbst vor uns, der bisher nur geschickt seinen Pferdefuß zu verstecken gewusst hat, oder aber mit der Mainstream-Meinung stimmt etwas nicht.

Nähert man sich dem Medien-Phänomen Ackermann chronologisch, wird man in der Tat zunächst einmal feststellen müssen, dass sich dessen Start ins Bewusstsein der Öffentlichkeit ziemlich holprig gestaltete. Das mittlerweile zum kollektiven Gedächtnis gehörende Victory-Zeichen im Mannesmann-Prozess wird man getrost als einen Fettnapf bezeichnen können, der groß genug gewesen wäre, um ihn zu vermeiden. Abgesehen von dieser Ungeschicklichkeit, gilt aber auch, dass Ackermanns Rolle im Mannesmann-Komplex mit ihrer medialen Ausdeutung recht wenig zu tun hat. Zur Erinnerung: der millionenschwere Abschiedsgruß der seinerzeitigen Mannesmann-AG landete nicht etwa in den Taschen Ackermanns, sondern komplett in denen des scheidenden Vorstandschefs, Kleinanleger- und New Economy-Idols Klaus Esser. Der gegen Ackermann, der weniger aufgrund seiner Schlüsselrolle bei diesem Geschehen, sondern aufgrund seiner Prominenz im Fokus der Berichterstattung stand, erhobene Vorwurf beschränkte sich vielmehr darauf, dass er gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des für die Vorstandsvergütung zuständigen Mannesmann-Aufsichtsrats und unter freundlicher Mithilfe der betroffenen Gewerkschaften dem zwar erfolgreichen, aber auch nicht gerade schlecht bezahlten Esser bei seinem erzwungenen Abgang das Geld nicht auch noch hätte hinterher schmeißen müssen. Ein durchaus diskutabler Vorwurf, der allerdings nicht darüber hingwegtäuschen darf, dass solche goldenen Handschläge seinerzeit zur ohne schlechtes Gewissen und unter dem Beifall der Aktionäre geübten Kapitalmarktpraxis gehörten und um ihre Zulässigkeit auch noch heute erbittert gestritten wird.

Nach mehr oder weniger gelungenem Überstehen des Mannesmann-Prozesses fiel Ackermann vor allem durch eins auf – Erfolg. Zwar schon seit seligen Zeiten eines Herrmann Josef Abs der deutsche Klassenprimus, avancierte die Deutsche Bank erst unter Ackermann zur unbestrittenen und unangefochtenen Nummer Eins der deutschen Kreditinstitute. Wie ein Märchen vom anderen Ende der Welt erscheint es heute, dass noch vor gut zehn Jahren zwischen Deutscher und Dresdner Bank (R.I.P.) tatsächlich über eine Fusion unter Gleichen verhandelt wurde. Auch international ist das Institut nicht mehr ernsthaft mit den Vor-Ackermann-Zeiten vergleichbar. Liefen Ackermanns Vorgängern bei der wirtschaftlich gescheiterten Übernahme des ehrwürdigen Bankers Trust, der schon beim großen Crash von 1929 seine Finger im Spiel gehabt hatte, die US-amerikanischen Investment-Banker noch in Scharen davon, weil sie nicht für die muffige Hausbank der Deutschland AG arbeiten wollten, braucht sich die Deutsche Bank seit dem Wirken des Schweizers nicht mehr verschämt nach der angelsächsischen Konkurrenz von Morgan Stanley, J.P. Morgan (heute Chase Manhattan) und Goldman Sachs umzuschauen – die Benchmarker von Merryl Lynch, Lehman Brothers und Bear Stearns stehen für einen Vergleich ohnehin nicht mehr zur Verfügung. Um den antikapitalistischen Beißreflex auf Erfolgsmeldungen -„aber zu welchem Preis“ – zuvor zu kommen, ist dabei hervorzuheben, dass diese durchaus eindrucksvolle Erfolgsgeschichte weitestgehend ohne die in anderen Sektoren üblichen Kollateralschäden ausgekommen ist: Entlassungsorgien, Outsourcing in Dritte-Welt-Länder, Beschäftigungsgesellschaften und ähnliche Unerfreulichkeiten sind keine Begleiter des Aufstiegs der Deutschen Bank gewesen. Ebenso wenig beteiligte sich die Deutsche Bank in großem Stil an nur leidlich seriösen Geschäftspraktiken wie etwa Schrottimmobilien in der ehemaligen DDR. Im Gegenteil basierten die Erfolge auf einer ausgewogenen Strategie des bankbetriebswirtschaftlichen suum cuique: einerseits wurde Ackermanns nicht ganz so stiller Leidenschaft, dem in guten Zeiten margenstarken Investmentbanking, sein Recht gewährt, andererseits aber auch keine Herablassung gegenüber dem soliden, für Frankfurter Turmbewohner oftmals aber nicht ausreichend sexy erscheinenden Filial- oder Retailbanking geübt; die eher bornierte als betriebswirtschaftliche Trennung in eine Feine-Pinkel-Bank (Private Banking) und eine Prekariatsbank (Deutsche Bank 24) hat unter Ackermann zumindest keine Renaissance erlebt.

Anders als bei manch anderem Wettbewerber ist die Erfolgsgeschichte der von Josef Ackermann runderneuterten Deutschen Bank im Übrigen nicht auf Sand gebaut; rot angefärbte Gemüter sprechen hier von „Nachhaltigkeit“. Während einst im wahrsten Sinne des Wortes stolze Kreditinstitute im Rahmen der Finanzkrise wie die Fliegen umgefallen sind und heute allenfalls noch Wirtschaftshistoriker interessieren, ist die Deutsche Bank zwar nicht ungeschoren, aber doch mit kaum mehr als einem blauen Auge davongekommen. Absurd im Übrigen die Kritik an Ackermanns Bekenntnis, dass er sich schämen würde, den Steuersäckel zum Ausgleich der Verluste der Deutschen Bank in Anspruch zu nehmen. Wer sich unter dem neuen Mode-Stichwort des too big to fail darüber empört, dass Banken Gewinne privatisierten, Verluste aber sozialisieren würden, kann sich schlecht gleichzeitig darüber empören, wenn Bankvorstände die Maxime ausgeben, auf keinen Fall Verluste sozialisieren zu wollen!

Es bleibt damit das Lieblingsthema der Deutschen – der schnöde Mammon. Wer der Überzeugung ist, dass Gehalt und Leistung bzw. Charakter negativ korrelierte Größen sind, wird sich für Ackermann in der Tat kaum erwärmen können. Blendet man den dahinter stehenden moralisch verbrämten Grundlagenstreit einmal aus, kann Ackermann – für den ein oder anderen wahrscheinlich überraschend – auch beim Vergütungsthema Punkte sammeln. Sollte Ackermann tatsächlich einen nicht nur ganz marginalen Anteil an den in Milliarden und nicht etwa Millionen zu messenden Erfolgen der Deutschen Bank in seiner Amtszeit gehabt haben, sind Gehälter von bis 25 Millionen ökonomisch nicht ernsthaft zu beanstanden. Mit Blick auf die Turbulenzen in der deutschen Bankenlandschaft im Nachgang der Finanzkrise wird man zudem zu ergänzen haben, dass zweistellige Millionengehälter für Manager, die ihrem Institut und dem Fiskus den Kollaps erspart haben, sowohl betriebs- als auch volkswirtschaftlich ein low-budget-Investment sind. Last but not least ist festzuhalten, dass im Gegensatz zur variablen, also vermeintlich erfolgsbezogenen Vergütung zahlreicher anderer Geschäftsleiter von Publikumsgesellschaften, die selbst bei schlechtesten Ergebnissen nur eine Richtung kannten und kennen, Ackermanns Gehalt nicht nur auf dem Papier, sondern auch tatsächlich mit dem Ergebnis seines Unternehmens korrelierte. Auch insoweit durchaus ein Beispiel, das Schule machen sollte.

Auch außerhalb seines Wirkens in den Zwillingstürmen fällt die Bilanz der Ära Ackermann alles andere als mau aus. Im Gegensatz zu anderen Exponenten der deutschen Wirtschaft, die offensichtlich klammheimlich die Mehrheitsmeinung, dass Manager überbezahlt seien, teilen und sich deshalb ihrer Pfründe nur im Verborgenen oder höchstens innerhalb ihrer Community erfreuen, ist Ackermann mit Kritik an seiner Person, der Wirtschaft im Allgemeinen und der Kreditwirtschaft im Besonderen offensiv umgegangen. Dabei hat er seine Präsenz nicht etwa auf Wohlfühl-Veranstaltungen unter  Gleichgesinnten mit Lachshäppchen und Champagne beschränkt, sondern war sich nicht zu schade, sich auch dahin zu begeben, wo es wehtut - und hat sich selbst von der Unbedarftheit von Gesprächspartnern wie Maybritt Illner nicht abschrecken lassen.

Deutschland verliert also mit Ackermann keine Geißel des Kapitalismus, sondern einen Vorzeigemanager, der sich im Übrigen – für sein Berufsbild eher unüblich – nicht nur mit Geldscheffeln die Zeit vertrieben hat, sondern auch das größere Bild nicht aus den Augen verloren hat. Spätestens dann wenn Gutmenschen und Betschwestern à la Edzard Reuter die nächsten Großunternehmen unter Tränen an die Wand fahren, werden sich auch die vehementesten Kritiker die Augen reiben.

Und sie sprangen und tanzten – auch am Karfreitag?

Bomont, irgendwo in den Tiefen der US-amerikanischen Provinz. Referend Moore und der konservativ dominierte Gemeinderat des öden Städtchens drangsalieren den Ort durch den Erlass eines Tanzverbotes und die Konfiskation von Musikkassetten. Die für die Dorfjugend bedrückende Situation ändert sich erst, als der Neuankömmling aus dem Moloch der Großstadt Chicago und bekennende Tänzer Ken McCormack zusammen mit der Tochter des Referend, Ariel, gegen das Tanzverbot der Altvorderen aufbegehren und den in seiner starrsinnigen Haltung verharrenden Geemeinderat mit den eigenen Waffen – der Bibel – schlagen. Nicht nur Rocker, sondern auch ein versierter Exeget der heiligen Schrift gelingt McCormack der Nachweis, dass bereits in der Bibel gesprungen und getanzt (sic!) wird. Der Gemeinderat muss klein beigeben, das Tanzfest kann stattfinden und die Jugend von Bomont kann – angeführt von Ken und Ariel – zum Schulball eine flotte Sohle aufs Parkett legen.

Die einst von Kevin Bacon im 80er-Klassiker Footloose übernommene Aufgabe, die Bevölkerung von klerikaler Bevormundung zu befreien, haben sich aktuell die Piraten auf die Fahnen geschrieben. Die „Partei“, die optisch und programmatisch so albern daherkommt, wie es ihr Name vermuten lässt, und deren Spitzen sich auch schon mal dazu verblöden, sich bei den Genossen mit einer „virtuellen Umarmung“ zu bedanken, hat es auf das Karfreitagstanzverbot abgesehen. Da ein echter Pirat keine Kompromisse macht, sollte das Artefakt aus Zeiten des Biedermeiers bereits für dieses Jahr durch niemand geringeren als das Bundesverfassungsgericht beerdigt werden – und nach Möglichkeit auch nicht wieder auferstehen. Da allerdings Piraten nicht nur keine Kompromisse kennen, sondern auch nicht das Bundesverfassungsgerichtsgesetz, hat das höchste deutsche Gericht – wenig humorvoll – der Spaßpartei ihr Anliegen bereits aus formellen Gründen wieder um die Ohren gehauen.

Auch wenn die Sache damit fürs erste vom Tisch ist und auch wenn der Vorschlag von den Piraten kommt, lohnt sich ein Blick auf dieses Randproblem. In der Tat kann man sich fragen, ob ein religiös begründetes Tanzverbot in Zeiten sich auflösender bzw. der Bildung neuer, nicht-christlicher Milieus und wachsender Säkuralisierung der Mehrheitsgesellschaft noch zeitgemäß ist. Besonders sensiblen Angehörigen nicht-christlicher Religionen – und davon gibt es bekanntlich eine ganze Menge (siehe Koranverbrennungen, satanische Verse etc.) – könnten sich im Übrigen – etwas kleinlich, in der Sache aber nicht zu Unrecht – benachteiligt fühlen. Unter etwas aufgeheizteren Umständen taugt auch das Tanzverbot als Anlass für eine Grundsatzdiskussion darüber, wer wie bevorzugt wird, weshalb den Moslems, Juden, Hindus, Buddhisten, Scientologen etc. vergleichbare Privilegien bei der Feiertagsgesetzgebung nicht eingeräumt werden. Mit Blick auf die Fülle vorhandener Religionen, Glaubensgruppen etc. kommt man hier schnell vom Hölzchen aufs Stöckchen – insbesondere dann, wenn man noch die Position der Atheisten und der Befürworter einer strikten Trennung von Staat und Kirche in Rechnung stellt, die sich über jedes allgemein-wirkende Sonderrecht zu Gunsten einer Religionsgemeinschaft wehren. Umgekehrt darf nicht übersehen werden, dass das Grundgesetz nicht ganz unwesentlich vom christlichen Glauben geprägt ist, atmet es doch seinerseits vor allem den Geist der Aufklärung, die sich nicht nur gegen die religiös verbrämte Unmündigkeit (Gottesgnadentum etc.) entwickelt, sondern – bewusst und unbewusst – in nicht ganz geringem Umfang auf das humane und versöhnliche Menschenbild des neuen Testaments zurückgegriffen hat. Die daraus resultierenden Probleme sind bekannt und recht zahlreich. Das Tanzverbot stand dabei allerdings bisher nicht wirklich oben auf der Agenda der drängenden Probleme – und das zu Recht. Berlin ist nicht Bonmot, wer will kann über 360 Tage im Jahr tanzen und erfahrene Feiertagstänzer wissen zudem, dass man sich karfreitags durchaus bis 24.00 Uhr mit einer Privatveranstaltung trösten kann, um dann – spätestens ab 0.00 Uhr Ostersamstag - alles Versäumte mit leichter Zeitverzögerung nachzuholen. 

Alles in allem, handelt es sich also bei Tanzverbotsdebatte um ein Randproblem bzw. einen Mosaikstein der alles andere als einfachen Debatte um das angemessene Verhältnis des Staats nicht nur zu einer, sondern allen Religionen und zu der zunehmenden Masse all derer, die damit recht wenig anfangen können. Wer es allen recht machen will, macht es keinem Recht, lehrt zwar das Sprichwort; nichtsdestotrotz ist genau das die Aufgabe des Staatskirchenrechts. Diese Gewährleistung des religionspolitischen suum cuique ist eine überaus heikle Gratwanderung. Die albernen „Lasst uns tanzen“-Flashmobs der Piraten rufen das Problem zwar ins Bewusstsein, trivialisieren aber die Dimension und werden ihm in der Sache auch nicht nur annähernd gerecht!

Lieber ein Ende mit Schlecker als Schlecker ohne Ende..oder nicht?

Vergleicht man die causa Schlecker mit der Beinahepleite von GM/Opel im Umfeld der Finanzkrise, erfrischt zunächst der Umstand, dass die selbsternannten Verteidiger der sozialen Marktwirtschaft oder dessen, was sie dafür halten, vergleichsweise wenig laut nach einer Rettung des sympathischen Familien-Konzerns verlangt haben – kein Norbert Blüm, kein Heiner Geißler und kein Ottmar Schreiner, die voll Emphase verlangen, Arbeitnehmer dürften nicht für Fehler unverantwortlicher und gieriger Manager (in concreto: Eigentümer) mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes bezahlen. Offensichtlich allzu evident, dass der Markt hier seine Aufgabe gewissenhaft wahrgenommen hat, indem er ein Unternehmen, das zwar an jeder noch so hässlichen Ecke eine ebenso hässliche Filiale besitzt, ansonsten aber seit Jahrzehnten an den Wünschen der Kunden vorbeitwirtschaftet und auch nicht in dem Verdacht steht für die enge Auswahl für den Arbeitgeber des Jahres in Betracht zu kommen, aus dem Wettbewerb, den es schon längst gegen die ansprechendere Konkurrenz von dm, Rossmann und Konsorten verloren hat, eliminert hat.

Dennoch mehr als nur ein Rückzugsgefecht der sich in Vorwahlkampfzeiten wenig marktaffin gerierenden Sozialdemokratie und ihrer wirtschaftspolitischen Glaubensbrüder von den Grünen, wenn sich die Debatte mit freundlicher Unterstützung des Insolvenzverwalters auf das Schicksal der “Schlecker-Frau” verlagert - nach dem Pathos zu urteilen, mit dem von diesem Begriff durch die Ikonen des neuen deutschen Biedermeiers Gebrauch gemacht wird, im Übrigen ganz offensichtlich die legitime Nachfolgerin der Trümmer-Frau.

Stein des Anstoßes bildet die sog. Transfergesellschaft bzw. die dafür seitens Bund und Ländern zu leistenden Bürgschaften. Worum geht es genau? Nach den Plänen des geballten rot-grünen Sachverstands und vor allem auch des gar nicht so neutralen Insolvenzverwalters, sollten all die “Schlecker-Frauen”, die nicht in der Schlecker-Restgesellschaft weiterbeschäftigt werden, nicht freigesetzt, sondern in einer Transfergesellschaft “aufgefangen” werden; den “Schlecker-Frauen” wären also die Härten der Arbeitslosigkeit vorläufig erspart geblieben. Was auf den ersten Blick wie die Erfindung des arbeitsmarktpolitischen perpetuum mobile erscheint, mit dem man dem böswilligen Markt und der Geißel der Arbeitslosigkeit ein Schnippchen geschlagen hat, erweist sich bei näherer Betrachtung als nichts anderes als eine - wenn auch zeitlich limitierte - Übernahme arbeitsmarktpolitischer Paradigmen der DDR und ihrer ebenfalls der Geschichte angehörenden sozialistischen Bruderländer.

Im Einzelnen: Mitnichten bewahrt die Zauberformel von der Transfer-Gesellschaft auch nur eine gekündigte “Schlecker-Frau” vor der Arbeitslosigkeit; vielmehr werden diese nur zwischengeparkt, bis sie - nachdem ein bisschen Gras über die Insolvenz gewachsen ist – doch noch zur Arbeitsagentur geschickt werden. Aus Sicht einiger, aber eben nicht aller Beteiligter durchaus eine win-win-Situation. Der Insolvenzverwalter, also Schrotthändler für Unternehmen und Aspirant auf eine nicht ganz unerkleckliche Summe Geldes aus der Masse, wird von lästigen Kündigungsschutzklagen befreit, während die politisch Verantwortlichen – incl. der Bundessozialministerien, die auch diese Gelegenheit zum Punktesammeln nicht ungenutzt vorbeiziehen lassen will – sich als Retter der Arbeiter abfeiern lassen können wie einst Gerhard Schröder auf dem Balkon des Frankfurter Skyper (Holzmann).

Dass es die Rettung der Schlecker-Frauen nicht zum Nulltarif gibt und sich dahinter auch keine ökonomische Sinnhaftigkeit verbirgt, schwant allerdings auch dem Gutgläubigen spätestens dann, wenn man sieht, mit welcher Vehemenz sich gerade Kretschmann und Schmid dagegen sträuben, den angeblichen Selbstläufer mit eigenen Mitteln zu finanzieren – stattdessen Kredite von der KfW und Bürgschaften sämtlicher Bundesländer, eben others’ people money. 

Und in der Tat - in der Sorge um den eigenen Geldbeutel liegt die baden-württembergische Führungsriege ausnahmsweise einmal richtig. Hellere – oder uninteressietere - Köpfe - haben zu Recht darauf hingewiesen, dass es sich letztlich um nicht mehr handelt als eine Verlängerung des Arbeitslosengelds I handelt. ”Schlecker-Frauen” und Arbeitsmarkt werden im Ergebnis ein Jahr lang darüber getäuscht, dass die Mitarbeiter der Transfergesellschaft faktisch nur eins sind – nämlich arbeitslos. Weshalb im Übrigen gerade die Schlecker-Frauen im Gegensatz zu jedem anderen Arbeitslosen einen Anspruch auf ein Jahr bezahlte Arbeitslosigkeit haben sollten, lassen die selbsternannten schwäbischen Plüsch und Plumm gleichfalls unbeanwortet.

Es verbleiben die zwei argumentativen Feigenblätter, die sich linke Politiker in dieser und vergleichbaren Situationen gerne vor die wahltaktische Scham halten: Klassiker Nr. 1 - das Strukturargument - das zumindest ein Residuum an ökonomischer Legitimation für sich in Anspruch nehmen kann, kann unter den obwaltenden Umständen nicht ernsthaft bemüht werden. Schlecker-Frauen wie -Filialen sind bunt über die gesamte Republik, über strukturschwache und -starke, ländliche und urbane Gebiete verteilt, so dass nicht erkennbar wäre, dass einer Region oder Gemeinde ihr Hauptarbeitgeber wegbrechen wüde – mit den damit verbunden negativen Externalitäten. Häufiger bemüht das ebenfalls beliebte Feigenblatt der Qualifizierung. Nach dem Motto der Ton macht die Musik wird dem Publikum suggeriert, aus den Einzelhandelsverkäuferinnen würden in der Qualifizierungsgesellschaft IT-Fachkräfte oder Ähnliches gemacht. Wer das glaubt, ist kein Optimist, sondern ein Träumer – die Übergangsgesellschaft ist ein Abwicklungsinstrument und keine Summer School. Schließlich kann man auch an dem Nutzen der Übergangsgesellschaft für die Schlecker-Frauen selbst zweifeln. Zwar gestaltet sich die Lage auf einen ersten Blick eindeutig (12 Monatsgehälter haben ist besser als 12 Monatsgehälter nicht haben), aber schon ein zweiter Blick weckt Zweifel. Zunächst nicht ausgeschlossen ist, dass die Mörder von Schlecker, also vor allem Dm und Rossmann, an dem ein oder anderen nunmehr schlecker- und damit auch drogeriefreien Standort eine Filiale eröffnen. Ebensowenig ausgeschlossen ist, dass die Grossisten beim Staffing für solche Filialen sich durchaus auch eine Schlecker-Frau vorstellen könnten (“die können was ab”). Während also die Erben der Schlecker-Standorte neues Personal rekrutieren, sitzen die Schlecker-Frauen in der Qualifizierungsgesellschaft. Auf sie warten wird man sicher nicht. Unterschätzt werden sollte nicht zuletzt der psychologische Faktor: Personaler wollen kein Fallobst bzw. das, was sie dafür halten. Ein Bewerbungsgespräch, bei dem man auf die Schließung der eigenen Filiale verweisen kann, dürfte deshalb einen glücklicheren Verlauf nehmen, als das, indem die Kandidatin berichten kann, das letzte Jahr in einer “Qualifizierungsgesellschaft” verbracht zu haben.

Conclusio: Alles in allem ist die Beschäftigungsgesellschaft eine reichlich zweifelhafte Sache, der niemand, nicht einmal die Schlecker-Frauen, nachzutrauen braucht.

Expect the unexpected

Soweit dem “Präsidenten der Herzen” - nach ”Merkozy” ein weiterer Tiefpunkt der deutschen Sprache  - in den vergangenen Wochen überhaupt ein kaum spürbarer kritischer Gegenwind entgegenwehte, kam dieser meist von links. Tenor des malkontenten Gemurmels: der freiheitsfixierte Gauck vernachlässige die Wohlfühlkomponente des Staates und erwähne nicht häufig genug, dass Banken der Quell allen Übels seien. 

Möglicherweise, um sich dieser Kritik am Rande der Wahrnehmungsschwelle zu erwehren, überrascht Gauck bei seiner ersten öffentlichen Amtshandlung nunmehr mit einigermaßen steilen Thesen, die wohl eher im liberalen und konservativen Lager als links der Mitte für Befremden sorgen dürften. Galt bisher Freiheit im klassischen liberalen Sinne (=Abwesenheit von Zwang) als politischer Fetisch von Gauck, verblüfft dieser in seiner Antrittsrede das Auditorium mit einer Liebeserklärung an die 68-er Bewegung. Diese hätten nicht nur den Muff von 1000 Jahren aus den Talaren ausgelüftet, sondern mit ihrem Wirken auch dem Erhardschen Wirtschaftswunder ein Demokratiewunder zur Seite gestellt.

Zumindest für zeitgeschichtlich Interessierte reichlich starker Tobak. Kann man dem Befund des Bundespräsidenten, dass die 68-er – im Übrigen alles andere als eine Volks- oder auch nur Studentenbewegung, sondern vor allem ein Protest von Teilen (Bsp.: Marcuse ja, Habermas: vielleicht; Adorno: nein) der linken Teile der philosophischen Fakultäten - zu Recht darauf hinwiesen, dass die völlige Abstinenz des 13 Jahre währenden 1000-jährigen Reiches im öffentlichen Diskurs der 50-er und 60er nicht nur auf Scham zurückzuführen war, lässt die Darstellung der 68-er als Ikonen der Demokratiebewegung durchaus befürchten, dass Gauck im Rahmen der Vorbereitung seiner Rede versehentlich auf ein Geschichtsbuch aus seiner Schulzeit zurückgegriffen hat. 

Mit der Demokratie im herkömmlichen Sinne hatten nicht nur die Kampfgenossen von der RAF, sondern auch Rudi Dutschke und SDS reichlich wenig im Sinne: kein Geheimnis, dass sich die linke Intelligenz, aber auch spätere Supporter wie Paul Breitner zu dieser Zeit politische Tips vor allem bei Marx, Engels und Mao holten. Entsprechend den Vorstellungen dieser Trias lupenreiner Demokraten hätte die vielbeschworene Volksherrschaft der 68-er in der politischen Praxis folgerichtig in etwa folgende Gestalt angenommen: im unwahrscheinlichen Idealfall hätte der expropriierte Proletarier selbst die Pflugscharen zu Schwertern gemacht und der verkommenen kapitalistischen Bourgeoisie mit ihrem Kuchen das Maul gestopft. Da allerdings bereits Karl Marx ahnte, dass auch der Proletarier im Innersten seines Herzens nach dem Lifestyle eines Bourgeois dürstete, und Lenin – in Ermangelung eines russischen Proletariats - für die Praxis feststellen musste, dass es um die politische Einstellung des typischen Kleinbauern nicht viel besser bestellt ist (vgl. Neue Ökonomische Politik), muss dann doch die Schar der Auserwählten - die sog. Avantgarde bzw. schnöder die Partei – der arbeitenden, aber in Unmündigkeit verharrenden Bevölerung zu ihrem Glück zu verhelfen, sprich den Kopf waschen. In Theorie und Praxis sieht das am Ende so aus, dass eine überschaubare Clique von Gutmenschen – sei es nun ein Arbeiter-oder Soldatenrat, ein Syndikat, ein Parteikommissar oder eben ein Studentenausschuss die Aufgabe übernimmt, durch Insichgehen den Willen des Volkes zu ermitteln und im Anschluss das Volk – notfalls auch durch etwas nachdrücklichere Instrumente – darüber informiert, was es eigentlich will bzw. zu wollen hat.

Gaucks Ausführungen sind also historisch ein echter Volltreffer und insofern überraschend, als Gauck eigentlich zu denjenigen gehört, die sich mit gutem Recht gegen die in den 60er Jahren grassierende und in Ostalgie-Shows verbreitete Mär, östlich des Eisernen Vorhangs habe man in einem kostenlosen Spaßbad gelebt, wehren. 

Auch wenn man sich also durchaus verwundert die Augen reiben kann über solche Geschichtsklitterung, wäre es schön, dass der Republik die in solchen Fällen üblichen Beißreflexe christsozialer Provinzpolitiker aus Tutzing, Freising etc. erspart bleiben. Denn auch das ungestrafte, bzw. höchstens durch eine inhaltliche Auseinandersetzung pönalisierte Verbreiten von ziemlichen Blödheiten gehört im liberalen Rechtsstaat zum guten Ton. Der Bundespräsident macht da keine Ausnahme!

Who the f…. is Dr. Olaf Rose

Russische Verhältnisse im Präsidentschaftswahlkampf! Wer sich hier Sorgen über den Zustand der deutschen Demokratie macht, ist niemand anders als die Elitenpartei NPD. Worum geht es? Die ob reichlich mauer Wahlergebnisse außerhalb Dunkeldeutschlands sich ohnehin in einer Opferrolle wähende Speerspitze aufrechter Deutscher ist zutiefst empört, dass man ihrem Kandidaten, Dr. Olaf Rose, nicht die gebührende Aufmerksamkeit zollt. Da das Sammelbecken des deutschen Prekariats noch nicht verboten ist, und das audiatur est altera pars zur guten, wenn auch vor der NPD selbst nicht gerade gepflegten politischen Kultur im liberalen Rechtsstaat gehört, schauen wir uns das hoffnungsvolle Polittalent, der in der Bundesversammlung voraussichtlich die Stimmen von bis zu drei Wahlmännern auf sich vereinigen kann, einmal an.

Der Kandidat: Dr. (die NPD ist eben doch eine Partei von Intellektuellen) Olaf Rose. Promivierter (A)Historiker und wie so viele Mitglieder des nationalen Widerstands früher ein ziemlich Linker, verdingte sich Rose bisher als Provinzpolitiker im dunkelsten Teil von Dunkeldeutschland und glänzt ab und zu durch eine nur einschlägigen Kreisen bekannte Publikation, die nachdrückliche Zweifel an der Qualität des Geschichtsstudiums in Deutschland begründet. Was diese Lichtgestalt zum Präsidentschaftskandidaten adelt, lassen im Übrigen sowohl NPD als auch Roses Lebenslauf offen; man liegt wohl nicht falsch, dass die Güte des rechten Personalpools hier eine nicht ganz untergeordnete Rolle gespielt hat.

Das Programm: wer mehr über die rechte Lichtgestalt erfahren möchte, wird auf der Internetseite des “deutschlandechos” fündig. Neben Werbeanzeigen für Zeitungen wie “zuerst” (Toptitel: Durchmarsch der Homo-Lobby), “dmz – das patriotische Militärmagazin” und Mode von “Ansgar Aryian”, gibt Olaf Rose dem mehr oder weniger geneigten Leser Einblicke in seine Gedankenwelt.

Wer das Schlimmste erwartet, wird von Dr. Rose nicht enttäuscht. Auch ein Universitätsstudium mit anschließender Promotion hat messerscharfe Erkenntnisse wie die, dass Chrisian Wulff der “Türken-Wulff” und Beate Klarsfeld Jägerin “vermeintlicher deutscher Kriegsverbrecher”, die Inkarnation der “Antideutschen” (allerdings ein Adelsprädikat, wenn Rose zu den “guten Deutschen” gehört) und manisch pro-israelisch sei, nicht zu verhindern vermocht. Endlich erfahren wir, dass die “BRD-Block-Parteien” die Angriffskriege der imperialistischen USA absegneten (hier sollten sich so manche Linke einmal fragen, ob sie sich in ihrer pathologischen USA/Israel-Kritik nicht in etwas grenzwertiger Gesellschaft befinden). Schließlich konfrontiert uns Rose noch mit dem besorgniserregenden Befund, dass die Bundesrepublik nur noch eine Restsubstanz an Staatswesen besitze – eine Thematik, die Rose wohl vertraut ist, verfügt er doch nur noch über eine Restsubstanz an Verstand.  

In rechten Kreisen nicht fehlen darf schließlich das Bekenntnis zum nationalsozialistischen Heros Rudolf Heß, das im Übrigen recht bezeichnend für den deutschen Widerstand ist. Erinnern wir uns: Heß war nicht nur ein akribischer Arbeiter, der vorbildlich selbst die kleinste Denunziation abgearbeitet hat und damit eine veritable Ikone der schlimmsten Abgründe eines Unrechtsstaats ist, sondern vor allem auch ein politischer Wirrkopf erster Güte. Unvergessen sein kurz entschlossener Flug nach Großbritannien, der eine Allianz mit Großbritannien begründen sollte und nicht bei Churchill in der Downing Street, sondern in einer Zelle endete, in der diese Karikatur kein Unheil mehr anrichten konnte. Ein echtes Vorbild!   

Schade eigentlich, dass Zeit- und Platzgründe ein längeres Interview mit dem Arierforscher verhindert haben. Anderenfalls hätte Dr. Rose der manipulierten deutschen Bevölkerung auch noch die Augen darüber geöffnet, dass der Holocaust eine zionistische Erfindung ist, Goldman Sachs als treibende Kraft der kapitalistisch-bolwechistischen Weltverschwörung Stalin inthronisiert und Deutschland den 2. Weltkrieg eigentlich gewonnen hat, Hitler noch im Berliner Bunker lebt und die Erde – entgegen amerikanisch-israelischer Proganda – eine Scheibe ist!