Befragt man die Deutschen nach der Verkörperung des kapitalistischen Antichristen, braucht man nicht allzu lange auf die Antwort zu warten. Egal ob Vergütungsexzesse in den Vorstandsetagen deutscher Großunternehmen, Finanzkrise oder ähnliche Schandtaten, stets erscheint der Name des Noch-Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann auf den vordersten Plätzen der Liste der Hauptschuldigen. Noch mehr, ist der Schweizer Banker nicht nur am dunkelroten Rand (Attac, Linke, Grüne), sondern bis hinein in den politischen Mainstream zu einem, wenn nicht dem Synonym für Missstände des postindustriellen Kapitalismus geworden: in Trivialanalysen (Illner, Jauch, Will etc.) tauchen nicht selten die sog. „Ackermänner dieser Welt“ auf, die zusammengefasst an allem und jedem schuld sein sollen.
Bereits die schiere Fülle der vermeintlichen und tatsächlichen Ungerechtigkeiten, Übel und Missstände, an denen Ackermann in personam schuld sein soll, mahnt allerdings den einigermaßen Vernunftbegabten zur Vorsicht: entweder haben wir in Ackermann den Teufel höchstselbst vor uns, der bisher nur geschickt seinen Pferdefuß zu verstecken gewusst hat, oder aber mit der Mainstream-Meinung stimmt etwas nicht.
Nähert man sich dem Medien-Phänomen Ackermann chronologisch, wird man in der Tat zunächst einmal feststellen müssen, dass sich dessen Start ins Bewusstsein der Öffentlichkeit ziemlich holprig gestaltete. Das mittlerweile zum kollektiven Gedächtnis gehörende Victory-Zeichen im Mannesmann-Prozess wird man getrost als einen Fettnapf bezeichnen können, der groß genug gewesen wäre, um ihn zu vermeiden. Abgesehen von dieser Ungeschicklichkeit, gilt aber auch, dass Ackermanns Rolle im Mannesmann-Komplex mit ihrer medialen Ausdeutung recht wenig zu tun hat. Zur Erinnerung: der millionenschwere Abschiedsgruß der seinerzeitigen Mannesmann-AG landete nicht etwa in den Taschen Ackermanns, sondern komplett in denen des scheidenden Vorstandschefs, Kleinanleger- und New Economy-Idols Klaus Esser. Der gegen Ackermann, der weniger aufgrund seiner Schlüsselrolle bei diesem Geschehen, sondern aufgrund seiner Prominenz im Fokus der Berichterstattung stand, erhobene Vorwurf beschränkte sich vielmehr darauf, dass er gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des für die Vorstandsvergütung zuständigen Mannesmann-Aufsichtsrats und unter freundlicher Mithilfe der betroffenen Gewerkschaften dem zwar erfolgreichen, aber auch nicht gerade schlecht bezahlten Esser bei seinem erzwungenen Abgang das Geld nicht auch noch hätte hinterher schmeißen müssen. Ein durchaus diskutabler Vorwurf, der allerdings nicht darüber hingwegtäuschen darf, dass solche goldenen Handschläge seinerzeit zur ohne schlechtes Gewissen und unter dem Beifall der Aktionäre geübten Kapitalmarktpraxis gehörten und um ihre Zulässigkeit auch noch heute erbittert gestritten wird.
Nach mehr oder weniger gelungenem Überstehen des Mannesmann-Prozesses fiel Ackermann vor allem durch eins auf – Erfolg. Zwar schon seit seligen Zeiten eines Herrmann Josef Abs der deutsche Klassenprimus, avancierte die Deutsche Bank erst unter Ackermann zur unbestrittenen und unangefochtenen Nummer Eins der deutschen Kreditinstitute. Wie ein Märchen vom anderen Ende der Welt erscheint es heute, dass noch vor gut zehn Jahren zwischen Deutscher und Dresdner Bank (R.I.P.) tatsächlich über eine Fusion unter Gleichen verhandelt wurde. Auch international ist das Institut nicht mehr ernsthaft mit den Vor-Ackermann-Zeiten vergleichbar. Liefen Ackermanns Vorgängern bei der wirtschaftlich gescheiterten Übernahme des ehrwürdigen Bankers Trust, der schon beim großen Crash von 1929 seine Finger im Spiel gehabt hatte, die US-amerikanischen Investment-Banker noch in Scharen davon, weil sie nicht für die muffige Hausbank der Deutschland AG arbeiten wollten, braucht sich die Deutsche Bank seit dem Wirken des Schweizers nicht mehr verschämt nach der angelsächsischen Konkurrenz von Morgan Stanley, J.P. Morgan (heute Chase Manhattan) und Goldman Sachs umzuschauen – die Benchmarker von Merryl Lynch, Lehman Brothers und Bear Stearns stehen für einen Vergleich ohnehin nicht mehr zur Verfügung. Um den antikapitalistischen Beißreflex auf Erfolgsmeldungen -„aber zu welchem Preis“ – zuvor zu kommen, ist dabei hervorzuheben, dass diese durchaus eindrucksvolle Erfolgsgeschichte weitestgehend ohne die in anderen Sektoren üblichen Kollateralschäden ausgekommen ist: Entlassungsorgien, Outsourcing in Dritte-Welt-Länder, Beschäftigungsgesellschaften und ähnliche Unerfreulichkeiten sind keine Begleiter des Aufstiegs der Deutschen Bank gewesen. Ebenso wenig beteiligte sich die Deutsche Bank in großem Stil an nur leidlich seriösen Geschäftspraktiken wie etwa Schrottimmobilien in der ehemaligen DDR. Im Gegenteil basierten die Erfolge auf einer ausgewogenen Strategie des bankbetriebswirtschaftlichen suum cuique: einerseits wurde Ackermanns nicht ganz so stiller Leidenschaft, dem in guten Zeiten margenstarken Investmentbanking, sein Recht gewährt, andererseits aber auch keine Herablassung gegenüber dem soliden, für Frankfurter Turmbewohner oftmals aber nicht ausreichend sexy erscheinenden Filial- oder Retailbanking geübt; die eher bornierte als betriebswirtschaftliche Trennung in eine Feine-Pinkel-Bank (Private Banking) und eine Prekariatsbank (Deutsche Bank 24) hat unter Ackermann zumindest keine Renaissance erlebt.
Anders als bei manch anderem Wettbewerber ist die Erfolgsgeschichte der von Josef Ackermann runderneuterten Deutschen Bank im Übrigen nicht auf Sand gebaut; rot angefärbte Gemüter sprechen hier von „Nachhaltigkeit“. Während einst im wahrsten Sinne des Wortes stolze Kreditinstitute im Rahmen der Finanzkrise wie die Fliegen umgefallen sind und heute allenfalls noch Wirtschaftshistoriker interessieren, ist die Deutsche Bank zwar nicht ungeschoren, aber doch mit kaum mehr als einem blauen Auge davongekommen. Absurd im Übrigen die Kritik an Ackermanns Bekenntnis, dass er sich schämen würde, den Steuersäckel zum Ausgleich der Verluste der Deutschen Bank in Anspruch zu nehmen. Wer sich unter dem neuen Mode-Stichwort des too big to fail darüber empört, dass Banken Gewinne privatisierten, Verluste aber sozialisieren würden, kann sich schlecht gleichzeitig darüber empören, wenn Bankvorstände die Maxime ausgeben, auf keinen Fall Verluste sozialisieren zu wollen!
Es bleibt damit das Lieblingsthema der Deutschen – der schnöde Mammon. Wer der Überzeugung ist, dass Gehalt und Leistung bzw. Charakter negativ korrelierte Größen sind, wird sich für Ackermann in der Tat kaum erwärmen können. Blendet man den dahinter stehenden moralisch verbrämten Grundlagenstreit einmal aus, kann Ackermann – für den ein oder anderen wahrscheinlich überraschend – auch beim Vergütungsthema Punkte sammeln. Sollte Ackermann tatsächlich einen nicht nur ganz marginalen Anteil an den in Milliarden und nicht etwa Millionen zu messenden Erfolgen der Deutschen Bank in seiner Amtszeit gehabt haben, sind Gehälter von bis 25 Millionen ökonomisch nicht ernsthaft zu beanstanden. Mit Blick auf die Turbulenzen in der deutschen Bankenlandschaft im Nachgang der Finanzkrise wird man zudem zu ergänzen haben, dass zweistellige Millionengehälter für Manager, die ihrem Institut und dem Fiskus den Kollaps erspart haben, sowohl betriebs- als auch volkswirtschaftlich ein low-budget-Investment sind. Last but not least ist festzuhalten, dass im Gegensatz zur variablen, also vermeintlich erfolgsbezogenen Vergütung zahlreicher anderer Geschäftsleiter von Publikumsgesellschaften, die selbst bei schlechtesten Ergebnissen nur eine Richtung kannten und kennen, Ackermanns Gehalt nicht nur auf dem Papier, sondern auch tatsächlich mit dem Ergebnis seines Unternehmens korrelierte. Auch insoweit durchaus ein Beispiel, das Schule machen sollte.
Auch außerhalb seines Wirkens in den Zwillingstürmen fällt die Bilanz der Ära Ackermann alles andere als mau aus. Im Gegensatz zu anderen Exponenten der deutschen Wirtschaft, die offensichtlich klammheimlich die Mehrheitsmeinung, dass Manager überbezahlt seien, teilen und sich deshalb ihrer Pfründe nur im Verborgenen oder höchstens innerhalb ihrer Community erfreuen, ist Ackermann mit Kritik an seiner Person, der Wirtschaft im Allgemeinen und der Kreditwirtschaft im Besonderen offensiv umgegangen. Dabei hat er seine Präsenz nicht etwa auf Wohlfühl-Veranstaltungen unter Gleichgesinnten mit Lachshäppchen und Champagne beschränkt, sondern war sich nicht zu schade, sich auch dahin zu begeben, wo es wehtut - und hat sich selbst von der Unbedarftheit von Gesprächspartnern wie Maybritt Illner nicht abschrecken lassen.
Deutschland verliert also mit Ackermann keine Geißel des Kapitalismus, sondern einen Vorzeigemanager, der sich im Übrigen – für sein Berufsbild eher unüblich – nicht nur mit Geldscheffeln die Zeit vertrieben hat, sondern auch das größere Bild nicht aus den Augen verloren hat. Spätestens dann wenn Gutmenschen und Betschwestern à la Edzard Reuter die nächsten Großunternehmen unter Tränen an die Wand fahren, werden sich auch die vehementesten Kritiker die Augen reiben.